Die EZLN

Die EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, Zaptistische Armee der Nationalen Befreiung)

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Entstehung
Die zunächst marxistisch-leninistisch, städtisch und mestizisch geprägte Guerilla EZLN gründete sich im November 1983, aus je drei Mestizos und Indígenas, in der Selva Lacandona (Urwaldgebiet im Nordosten Chiapas). Geprägt durch die Studierendenunruhen der späten 1960er Jahren, die 1968 kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt mehrere Hunderte Todesopfer unter den Demonstrierenden durch das mexikanische Militär forderte sowie motiviert durch den Sieg der Widerstandsbewegung der FSLN (Sandinistische Nationale Befreiungsfront) gegen die Diktatur der Somoza-Dynastie 1979 in Nicaragua wollte sie, im Sinne eines klassischen Befreiungskampfes, die staatliche Macht bekämpfen und eine sozialrevolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft herbeiführen.

Während des Zusammenlebens mit den indigenen Gemeinden in Chiapas, welche traditionell in regionalen Kleinbauernbewegungen gegen die Großgrundbesitzer*innen organisiert waren und sich unter der Verschlechterung ihrer sozio-ökonomischen Situation radikalisierten, nahm die Guerilla die basisdemokratischen und kollektiven Prinzipien der indigenen Gemeinden an. Hingegen früherer Guerillaorganisationen unterstellt sich die EZLN in politischen Entscheidungen den im Konsens der zivilen Gemeinden getroffenen Beschlüssen. Darüber hinaus betont sie, nicht die staatliche Macht übernehmen zu wollen, sondern ein andersartiges (umgekehrtes) gesellschaftlichen System aufzubauen, in dem die Macht tatsächlich von ´unten`, von der Zivilbevölkerung ausgeht.

Organisationsstruktur
Die EZLN ist rein formal eine militärische Formation, jedoch darüber hinaus eine politische Bewegung. Für die politische Arbeit wurde 1996 die Frente Zapatista de Liberación Nacional (FZLN, Zapatistische Front der nationalen Befreiung) als politischer Arm der EZLN gegründet und im Zuge einer umfassenden Umstrukturierung der gesamten zapatistischen Organisation im Jahr 2005 („Sechste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald“) aufgelöst.

Die höchste Instanz der EZLN ist das Comité Clandestino Revolucionario Indígena – Comandancia General del Ejército Zapatista de Liberación Nacional (CCRI-CG, Geheimes und revolutionäres indigenes Komitee – Generalkommandantur der EZLN). Es ist zusammengesetzt aus einem unbewaffneten, politischen Teil (CCRI, Komitee) und einem militärischen Teil (CG, Kommandantur). Das Komitee besteht aus gewählten Vertreter*innen der Indígenas und zivilen, zapatistischen Unterstützungsbasen, welche militärische Ränge tragen und Comandantes genannt werden. Das CCRI-CG ist dem basisdemokratischen Prinzip des „gehorchenden Befehlens“ (bei der die Entscheidungen der Zivilbevölkerung von den gewählten Vertreter*innen in der CCRI umgesetzt werden) verpflichtet und fungiert als Bindeglied zwischen der Bevölkerung und der EZLN. Gegen die gesamte Führungsspitze der EZLN bestehen Haftbefehle wegen des Vorwurfes der Tötung, krimineller Vereinigung, Aufruhr, Aufstand, Rebellion, Terrorismus, Verschwörung und Vergehen gegen das Bundesgesetz für Schusswaffen und Sprengstoffe. Militärischer Befehlshaber und zugleich Sprecher der EZLN ist Subcomandante Insurgente Marcos, welcher dem CCRI-CG unterstellt ist und seit Juli 2005 Sprecher der „Sechsten Kommission der EZLN“ (kurz Sexta) ist und als ziviler Delegierter den zusätzlichen Namen „Delegierter Null“ (SubDelgado Cero) trägt. Die Sexta arbeitet im Bereich der „Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald“ und der damit verbundenen „Anderen Kampagne“ (La Otra). Subcomandante Marcos, ein Mestize mit einem offensichtlich höheren, städtisch geprägten Bildungsgrad, schafft mittels Veröffentlichung zahlreicher Kommuniqués, Artikeln, Briefen und Geschichten sowie starker medialer Präsenz (Print, TV, Internet) internationale Öffentlichkeit für den zapatistischen Kampf. Zuweilen wird er schon als einer der einflussreichsten lateinamerikanischen Schriftsteller gehandelt.

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Der bewaffnete Teil der Zapatist*innen besteht aus Aufständischen (Insurgentes) und Milizen (Milicianos). Sie dienen als Schutz der Gemeinden und Bezirksautonomie. Erstere kommen im Konfliktfall zum Einsatz und stellen reguläre Kämpfer*innen dar. Letztere werden nur in Ausnahmefällen mobilisiert und leisten sonst Bereitschaftsdienst innerhalb der Gemeinden.

Die zivile Organisationsstruktur der Zapatist*innen gliedert sich in Autonome Räte auf Gemeindeebene, Gemeindebezirke, sogenannte Caracoles (Schneckenhäuser), und Räte der Guten Regierung (Junta de Buen Gobierno (JBG)). Die Autonomen Räte, welche direkt innerhalb der Dörfer gewählt werden schicken in einem 8-14tägigen Rotationsprinzip Vertreter*innen in die Caracoles. Die JBGs setzten sich aus diesen Delegierten der autonomen Landkreise zusammen. Alle ´Ämter` werden für einen sehr überschaubaren Zeitraum durch Wahl sowie der Möglichkeit der Absetzung/ Abwahl besetzt. Darüber hinaus wird die direkte Beteiligung aller am politischen und administrativen Prozess angestrebt, was bedeutet, dass möglichst jede, in der Bewegung aktive und auf zapatistischen Territorium lebende Person einmal eine Position in den Räten übernimmt. Dadurch soll jede und jeder ´das Regieren lernen` und Verantwortung übernehmen. Mittels sehr kurzer ´Dienstzeiten` soll ein möglicher Ausbau machtelitärer Strukturen und Korruption verhindert werden.

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Als Selbstverwaltungs-Körperschaften dienen seit 2003 die 5 Caracoles (La Garrucha, La Realidad, Morelia, Oventik, Roberto Barrios) als Zentren für das Zusammentreffen von Zapatist*innen und Zivilgesellschaft in den Konfliktzonen. Die Gebäudekomplexe (inkl. Unterkünfte, Geschäfte, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen) sind auch Sitz der JBG, jenen Regierungsgremien, welche aus Delegierten der autonomen rebellischen zapatistischen Gemeinden zusammengesetzt sind. Es gibt eine JBG in jedem der fünf Caracoles. Sie präsentieren einen neuen Schritt im Aufbau der zapatistischen Autonomie und fordern die offizielle Macht heraus, indem sie auf allen Ebenen Funktionen übernehmen (Bildung, Gesundheit, Justiz, Entwicklung, Territorium, etc.), die eigentlich von der offiziellen Regierung geregelt werden sollten.

Prinzipien und Ziele
Zentrale Forderungen & Ziele der zapatistischen Bewegung:

• vollständige Demokratisierung ganz Mexikos, mit einem radikal basisdemokratischen Konzept
• rechtliche & gesellschaftliche Gleichstellung der Indígenas (zunehmend auch bezüglich anderer Minderheiten & Marginalisierter – Jugendliche, Homosexuelle, Arbeitslose, Sexarbeiter*innen etc.)
• Gleichberechtigung der Frau
• Land (in Besitz bzw. Verfügung derer, die es bearbeiten) und Freiheit (tierra y libertad)
• Selbstbestimmung und Autonomie der indigenen Gemeinden
• Bildungs- & Gesundheitswesen, Infrastruktur und Entwicklung

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Darüber hinaus wird die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung Mexikos gegenüber reichen Nachbarländern, v.a. gegenüber den USA, gefordert. Hierin verdeutlicht sich die liberalisierungs- und globalisierungskritische Einstellung der zapatistischen Bewegung. Hinsichtlich des neoliberalen Kurses der mexikanischen Regierung (seit Mitte der 80er Jahre, verstärkt seit der Präsidentschaft von Vincente Fox (PAN) 2000) kritisieren sie zum einen den Ausverkauf des Landes an Multinationale Unternehmen und zum anderen die damit einhergehenden sozio-ökonomischen Folgen für die Bevölkerung wie etwa Landvertreibungen, Billiglohnsektoren (Maquiladores), Nahrungsmittelabhängigkeit und Preissteigerungen. Im Zusammenhang mit der Forderung nach Land, welche im Widerspruch zu den Ansprüchen der Großgrundbesitzer*innen und Großunternehmen steht, sprechen sich die Zapatist*innen für den Schutz und gegen die Kommerzialisierung der Umwelt, v.a. des Lakandonischen Urwaldes, aus.

Umsetzung der Ziele und des Basisdemokratischen Ansatzes:
Fortschritte sind v. a. im Bereich der Bildung, aber auch bei Gesundheit (kostenlose Gesundheitsdienste), im Rechtswesen und Infrastruktur (Elektrizität) spürbar. Insbesondere die autonome Rechtsprechung der Zapatist*innen – so gut wie keine Gefängnisstrafen, dafür Wiedergutmachungen – werden immer öfter auch von Nicht-Zapatist*innen in Anspruch genommen. Eine wirtschaftliche Entwicklung erreichten die Zapatist*innen durch die Produktion in Kollektiven für Bekleidung (Schuhe), Kaffe und Kunsthandwerk und deren weltweiten Verkauf.

Revolutionäre Frauengesetze
Bereits im Frühjahr 1993 wurde auf Druck der Frauen hin innerhalb der EZLN die revolutionären Frauengesetze angenommen. Sie fordern dazu auf, die eigenen patriarchalen Bräuche und Traditionen kritisch zu hinterfragen und die soziale, rechtliche und ökonomische Lage der Frauen zu verbessern. Innerhalb der EZLN sollen weibliche Zaptistinnen ihren männlichen Comapñeros (Kameraden, Genossen) gegenüber bereits gleichberechtigt sein, wo hingegen innerhalb der dörflichen Gemeinschaften noch patriarchale bis machistische Ansichten vorherrschen, welche die Frauen in ihrer Selbstbestimmung (z.B. Bildung, Arbeit, Partnerwahl) stark einschränken.

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Sexta Declaración de la Selva Lacandona – Die Sechste Erklärung des Lakandonischen Urwalds
Zwischen dem 29. Juni und 1. Juli 2005 präsentierte die EZLN in drei Teilen die Sechste Erklärung des Lakandonischen Urwalds. Die „Sechste“ zieht eine Bilanz der Geschichte des zapatistischen Kampfes der letzten elf Jahre: “ein neuer Schritt im Kampf der Indigenen ist nur möglich, wenn sich die Indigenen vereinen (…) mit den Arbeitern aus Stadt und Land”.
In diesem Dokument wird der Aufbau einer neuen “breiten Front” vorgeschlagen, welche gemeinsam ein “Nationales Programm des Kampfes, aber ein Programm, das ganz klar links und antikapitalistisch” ist und zu einer neuen Verfassung führen soll. Damit starteten die Zapatist*innen eine neue Initiative zum nationalen und internationalen Dialog mit der Zivilgesellschaft und der Regierung. 2007 gab es drei internationale Treffen zwischen den Zapatisten und den Völkern der Welt.

Comisión Sexta – Kommission der ´Sechsten`
In ihrer Erklärung vom 13. Juli 2005 kündigte das CCRI-CG der EZLN den Aufbau dieser Kommission an, die dafür zuständig ist, „alles, was mit der Durchführung der Aufgaben der Sechsten Erklärung des Lakandonischen Urwalds zusammenhängt“ zu koordinieren und „auf gemeinschaftliche und respektvolle Weise mit den Organisationen, Gruppen, Kollektiven und Individuen, die sich der neuen zivilen, friedlichen Initiative in Mexiko anschließen“ zusammenzuarbeiten.

La Otra Campaña (La Otra) – Die Andere Kampagne
Nach einer Phase der inneren Neuordnung 2005, rief die EZLN alle linksorientierten und antikapitalistischen Vereinigungen und Einzelpersonen Mexikos dazu auf sich einer “neuen Form der Politik” anzuschließen (außerhalb des traditionellen Parteiensystems Mexikos), um damit einen neuen Entwurf für die Gestaltung Mexikos zu schaffen. Zu diesem Anlass startete die Kampagne ihre Rundreise durch Mexiko im Laufe des Jahres 2006 und im Jahr 2007 um alle sozialen Kämpfe und deren Akteure kennen zulernen und eine nationale Vernetzung jener zu erreichen.

 

Die EZLN tritt stets mit Pasamontañas (Skimasken) oder roten Tüchern maskiert auf, ebenso z.T. die zapatistischen Unterstützungsbasen. Die Maskierung dient nicht nur funktional zum Schutz vor der Identifikation und Verfolgung der einzelnen Akteure sondern auch als Symbol für die Einheit der Bewegung, sowie deren ´Gesichtslosigkeit` (v.a. als marginalisierte Indígenas) für die mexikanische Bevölkerung in der Vergangenheit. Durch den Verzicht einer eindeutigen Identifizierung der Akteure schaffen die Zapatist*innen eine Projektionsfläche für neue Utopien/ Visionen und erleichtern Außenstehenden eine Identifikation mit der Bewegung und ihrem Kampf. Darüber hinaus stellt Sc.I. Marcos Vergleiche zur „Maskierung“ der Machteliten, als vermeintliche Volksvertreter*innen mit uneingelösten Wahlversprechen etc., an und fordert deren Demaskierung, sprich Offenbarung ihrer persönlichen und machtpolitischen Interessen.

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Die mehrheitliche Haltung der mexikanischen Zivilbevölkerung zur Maskierung der Zapatist*innen, bzw. auf die Forderungen zur Demaskierung von Sc.I. Marcos von Seiten der Regierung, verdeutlicht die starke Wirkung der Pasamontaña: „Sie haben uns den Glauben und die Hoffnung wiedergegeben. Ohne Maske wären sie nur einer unter vielen. Mit der übergestülpten Maske bleiben sie für immer der Mythos. Darum bitte ich sie, Subcomandante Marcos, nehmen sie die Maske nicht ab!“ (Aus einem Leserbrief an Marcos, März 1994. In: A. Huffschmid: Subcomandante Marcos. Ein maskierter Mythos. 1995) „Wir alle sind Marcos!“ (Sprechchor auf der Protestdemonstration 11. Februar 1995. ebenda)

Das EZLN hat eine Sonderstellung die es von allen anderen lateinamerikanischen Guerillabewegungen unterscheidet: Die Zapatisten bekunden klar und deutlich, dass ihr Kampf nicht der eigenen Machtergreifung gilt und dass sie über kein festes, alternatives Ordnungskonzept für die Neugestaltung Mexikos verfügen. Das wollen sie einer nicht näher beschriebenen „Zivilgesellschaft“ überlassen. Somit verzichten die Zapatist*innen auf die, bei herkömmlichen Guerillas oft zentrale, z.T. einzige Strategie des bewaffneten Kampfes als Mittel sozial-revolutionärer Umwälzungen. Charakteristisch für das Regierungskonzept der Räte der Guten Regierung (JBG) ist erstens die Bemühung Machtstrukturen zu vermeiden und basisdemokratisch zu entscheiden, nach dem Motto des „gehorchenden Befehlens“, und zweitens die ständige Reflektion der eigenen Strukturen und Ziele, nach dem Motto des „fragend gehen wir voran“.

Angesichts ihrer basisdemokratischen Prinzipien und dem offenen Umgang mit der Internationalen Öffentlichkeit erhält die EZLN häufig das Prädikat die „erste postmoderne bzw. postkommunistische Guerilla“ (Carlos Fuentes) zu sein. Da sie anstelle ihrer Gewehre das Wort als Waffe einsetzen, mit der Zivilgesellschaft kommunizieren und in ihren Kampf auch globale Probleme wie Rassismus, Armut und Ausbeutung ansprechen, erlangte die Bewegung und ihr Kampf Universalität wodurch sie weltweit Sympathiebekundungen und Solidaritätsinitiativen erhalten.

Die Zapatist*innen ihrerseits setzen auf die Vernetzung mit der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft. Mehrmals luden sie weltweit Menschen zu Treffen wie dem »Intergalaktischen Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschheit« ein. Anders als viele linke Guerillabewegungen vorheriger Jahrzehnte zeichnet sie ein undogmatisches und anti-autoritäres Politikverständnis aus, das am gegenseitigen Austausch mit vielfältigen sozialen Bewegungen orientiert ist. Sie streben keine Posten in der Regierung an, sondern arbeiten vielmehr am Aufbau realer Alternativen durch autonome Strukturen, etwa eines vom Staat unabhängigen Wirtschafts-, Bildungs-, Gesundheits- und Verwaltungswesens. Privatbesitz an Land lehnen die Zapatist*innen radikal ab; gemäß dem Motto »Das Land denen, die es bearbeiten« setzen sie auf gemeinschaftlich und solidarisch organisierte Produktions- und Handelsbeziehungen. Sie vertreten den Anspruch, selbst zu bestimmen, was in ihren Schulen gelehrt und gelernt werden soll, und dies nicht vom mexikanischen Zentralstaat diktieren zu lassen. Sie bauten Gesundheitszentren, in denen Menschen unabhängig ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben. Obwohl die Aufstandsbekämpfungsstrategien der Regierung teilweise durchaus Wirkung zeigen und vielfach zu gespaltenen Gemeinden, Zermürbung und Frust führen, wehren sich die Zapatist*innen weiterhin gegen kapitalistische Landnahme und rassistische Bevormundung und verfolgen bis heute den Weg der Autonomie.