Der Autonomieprozess

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Im Zuge des Aufstands kam es in den ersten Monaten des Jahres 1994 zu einer Vielzahl von Landbesetzungen durch Unterstützergemeinden der EZLN, gegen die die Großgrundbesitzer*innen sich in jenen Tagen nicht trauten, mithilfe ihrer paramilitärischen Garden vorzugehen. So kam es zur Gründung vieler neuer zapatistischer Gemeinden. Wie viele es davon heute noch genau gibt, ist unbekannt, aber einige hundert dürften es wohl sein. Die zapatistischen Gemeinden versuchen, sich unabhängig vom Staatsapparat untereinander solidarisch zu organisieren und ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Insbesondere nach dem Scheitern der Verhandlungen mit der Bundesregierung über die Implementierung indigener Selbstverwaltung setzten die Zapatist*innen zunehmend auf den Aufbau autonomer Strukturen die ihnen eine faktische Selbstverwaltung ermöglichen sollte, wie es derzeit in 32 autonomen Landkreisen mit zapatistischer Präsenz geschieht.

Selbstverwaltung
Am 9. August 2003 wurden die 5 regionalen Verwaltungszentren, die Caracoles (Schneckenhäuser) – La Garrucha, La Realidad, Morelia, Oventik, Roberto Barrios – geboren, in denen die Juntas de Buen Gobierno (JBG, Räte der Guten Regierung) tagen. Diese sind regelmäßig – 8-14-tägig – wechselnde, streng basisdemokratische und absetzbare Regierungen, die sich aus gewählten Delegierten der verschiedenen zapatistischen Gemeinden zusammensetzen.

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Ihre Aufgabe besteht etwa in der Förderung einer ausgewogenen Entwicklung zwischen den aufständischen Gemeinden, in der Vermittlung bei Konflikten und der Überwachung der Einhaltung von Gesetzen, die sich die zapatistischen Gemeinden selbst gegeben haben.
Die Ausübung einer Tätigkeit in einer JBG gilt eher als Pflicht, denn als Privileg. Der Dienst im autonomen Verwaltungssystem wird nicht bezahlt und soll dem Erlernen von Verantwortung und guten Regieren dienen.

Die Botschaft, der Schaffung der Caracoles, ist eindeutig: Es interessiert die zapatistischen indigenen Gemeinden nicht mehr, was die Politiker zu sagen haben, und sie warten auch nicht mehr auf Antworten oder Gewährleistungen der Regierungen. Es ist die konsequente Weiterentwicklung dessen, was zu Beginn des Aufstandes gefordert und propagiert wurde: die Selbstbestimmung der indigenen Völker. Damit verbunden war der Aufbau eines eigenen Gesundheits-, Bildungs- und Rechtssystems.

Gesundheit

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Mit Unterstützung durch NGOs, wie das Rote Kreuz, und engagierte Organisationen und Initiativen bauen die Zapatist*innen ein eigenes, autonomes Gesundheitssystem auf. Die elementaren medizinischen Gesundheitsinfrastrukturen – Krankenhäuser, Krankenwagen und Apotheken – sind in den Caracoles angesiedelt. Dort werden auch die Promotores de Salud (Gesundheitspromotor*innen) aus- und weitergebildet. Diese werden von ihren Gemeinden in die Verwaltungszentren geschickt, um das dort Erlernte in ihren zum Teil weit entfernten Gemeinden anzuwenden und weiter zu geben. Die Ausbildung der Promotor*innen ist auf die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung ausgerichtet und setzt dabei v.a. auch auf traditionelle, natürliche Medizin und Heilverfahren. Die Gesundheitsdienste in den Caracoles ist prinzipiell für alle zugänglich und für Mitglieder der zapatistischen Bewegung kostenlos. Neben Gesundheitspromotor*innen in den jeweiligen Gemeinden gibt es auch lokal angesiedelte autonome Apotheken, die von mehreren Gemeinden genutzt werden.

Bildung

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Die Zapatist*innen wollen für ihre Kinder eine staatlich unabhängige Erziehung und Bildung, die sowohl ihre eigenen Sprachen und Kultur, als auch praktisches, ihren Bedürfnissen angepasstes Wissen und Fähigkeiten einbezieht. So sollen neben dem klassischen Wissen wie Lesen, Schreiben und Rechnen, auch die eigene Geschichte und Kultur vermittelt werden. Darüber hinaus sollen Fähigkeiten im handwerklich-künstlerischen und landwirtschaftlichen Bereich ausgebildet werden, wie beispielsweise die Herstellung natürlichen Düngers. Die Bildungspromotor*innen werden in den Caracoles aus- und weitergebildet. Dort werden auch die Unterrichtmaterialien und -richtlinien hergestellt, die dann durch die entsendeten Promotor*innen in die Gemeinden gebracht werden.
Das Bildungskonzept ist zwar zum Teil auf traditionelles Wissen ausgerichtet beinhaltet aber auch stark emanzipatorische Vorstellungen und Ziele und bezieht globale Zusammenhänge und Entwicklungen mit ein. In den Caracoles selbst gibt es auch weiterführende Schulen. Im Caracol Oventic beispielsweise gibt es neben einer Escuela Secundaria (Sekundarschule) auch eine Sprachschule, in der sowohl Spanisch als auch Mayasprachen unterrichtet werden, die auch für Nicht-Zapatist*innen zugänglich ist.

Rechtssystem
Für die Einhaltung und Ahndung der, von den Zapatist*innen selbst bestimmten, Gesetze sind die JBGs in den Caracoles und gewählten Autoritäten auf Gemeindeebene zuständig. In den zapatistischen Territorien gelten einige Gesetze, die in wenigen Worten die wichtigsten Prinzipien der zapatistischen Gemeinden festlegen. Diese sind:

• Gesetz für die Landwirtschaft und Landverteilung (gerechte Landverteilung auch durch Enteignungen; kollektive Nutzung; Schutz und Wiederaufforstung von Wäldern; allg. Infrastruktur)
• Gesetz für Handel und Industrie (Regulierung der Preise & Löhne durch lokale Kommission)
• Gesetz für Gerechtigkeit (Freiheit für Inhaftierte, außer in Fällen von Mord, Vergewaltigung und Führungspositionen im Drogenhandel; Antikorruptionsgesetz)
• Ergänzungen zum geltenden Arbeitsrecht (Anpassung Löhne durch lokale Kommission; unentgeltliche Gesundheitsversorgung von Angestellt*innen; Aktienbeteiligung der Arbeitnehmer*innen)
• Gesetz über soziale Sicherheit (Versorgung Waisenkinder und Kombattanten; Renten)
• Gesetz für Stadtreformen (Einstellung von Steuern und teilweise Mietzahlungen; Besetzung von Grundstücken und Wohnraum in städtischen Territorien)
• Gesetz über Rechte und Pflichten der Menschen im Kampf (Trennung militärischer und ziviler Verantwortung; Organisation und Mandat der bewaffneten Truppen und zivilen Autoritäten; Selbstverteidigung; Unterstützung der bewaffneten Truppen)
• Revolutionäres Gesetz über die Stellung der Frau (elementare Gleichberechtigungsgesetze)
• Gesetz für die Armee (EZLN) und Instruktionen für Befehlshaber der EZLN (Sicherung der Lebensgrundlage und Unterstützung der bewaffneten Truppen; Mandat militärischer Einheiten; Schutz Zivilbevölkerung und -rechte; Direktiven für militärische Führer*innen)
• Gesetz über die Kriegssteuer (Steuern für militärische Operationen; obligatorisch für alle Bewohner*innen der jeweiligen Einsatzgebiete, mit Aufnahmen für ökonomisch schwache und Substistenzhaushalte)

Diese Rechte (und Pflichten) gelten für alle zapatistischen Anhänger*innen, unabhängig ihrer Herkunft, Hautfarbe, Glaube oder Geschlecht. Außerdem sind sie so formuliert, dass sie auch Nicht-Zapatist*innen („unabhängig ihrer politischen Zugehörigkeit“), die auf oder in unmittelbarer Nähe zapatistischer Territorien leben, miteinbeziehen.

Anstatt sich auf ein geschriebenes Gesetzesbuch zu beziehen, behandeln die JBGs die jeweiligen Verstöße und Rechtprobleme anhand der jeweiligen Umstände. Dabei setzen sie sich intensiv mit dem jeweiligen Sachverhalt und Beteiligten auseinander. Die Strafen werden seltener in Form von Freiheitsentzug oder Strafzahlungen, denn in Sanktionierungen und Wiedergutmachungen erlassen. Im Falle eines Diebstahldeliktes würde zum Beispiel eine angemessene Rückerstattung und/ oder eine Entschädigung in Form einer Hilfsleistung, bei der Arbeit auf dem Feld oder ähnliches, veranlasst werden. Die zapatistische Rechtssprechung durch die JBGs genießt hohes Ansehen, nicht nur unter Mitgliedern der zapatistischen Bewegung, sondern auch unter Nicht-Zapatist*innen, die sich mit ihren Streitigkeiten und rechtlichen Problemen oft auch an die JBGs wenden.

Kommunikation & Medien
Sowohl die interne Kommunikation, v.a. via Radio, als auch die Kommunikation nach außen wollen die Zapatist*innen selbständig und unabhängig gestalten. Dafür werden neben Radioprogrammen (die v.a. die zivile Basis als Adressaten hat, da das Radio das wichtigste Kommunikationsmittel, auch in entfernten Gemeinden ist) auch eigene Print- und Videomedien produziert. Jedes Caracol verfügt über ein Medien- und Kommunikationszentrum, wo die Promotores de Comunicación (Kommunikationspromotor*innen) ausgebildet und eigene Informations- und Kommunikationsmedien produziert werden, mit eigenen, selbstbestimmten Inhalten, welche auch Außenstehenden Einblicke in das Autonomieverständniss und den Autonomieprozess der Bewegung gewähren.

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Kollektives Gewerbe
Hauptsächlich betreiben die Zapatist*innen kollektiv organisiert in ihren Gemeinden Subsistenzwirtschaft. Eines der Ziele der autonomen Verwaltungen ist es, darüber hinaus in den Gemeinden und den Caracoles Kollektiven für den gewerblichen Handel sowie für die Produktion verschiedenster Güter aufzubauen. Durch die Verbesserung der ökonomischen Bedingungen soll der Lebensstandard verbessert werden sowie die Refinanzierung der autonomen Strukturen ermöglicht werden. Auch sollen so Einkommensmöglichkeiten außerhalb des für die Indigenen prekären Arbeitsmarktes in Mexiko ermöglicht werden.

Zum einen werden in den Caracoles und Gemeinden kollektiv bewirtschaftete Tiendas (kleine Läden mit Gütern des täglichen Bedarfs) eingerichtet. In diesen werden die eigenproduzierten und die wichtigsten industriell produzierten Güter zu niedrigen Preisen angeboten. In den Caracoles als auch in einigen größeren Städten (z.B. San Cristóbal de Las Casas) gibt es Tiendas in denen selbstproduzierte Nahrungsmittel (z.B. Brot & Honig), Kaffee & Tee, Textil- und Kunsthandwerk und Publikationen (Print-, Audio- und Videomedien) verkauft werden. Einige Produkte werden auch international gehandelt, vor allem Kaffee, Textil-und Kunsthandwerk und Publikationen, die mit Hilfe solidarischer Kollektive im In- und Ausland vertrieben werden. In Deutschland sind dies vor allem das Kollektiv Café Libertad und das Aroma Zapatista Kollektiv.

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