Cruztón

Die Gemeinde von Cruztón im Landkreis Venustiano Carranza, Chiapas, organisiert sich in der Sexta und gehört als Teil von Semilla Digna dem Nationalen Indígena Kongress (CNI) an.

In der Region des Landkreises Veustiano Carranza gibt es seit Jahren Konflikte und Auseinandersetzungen um Land, doch nur ein Teil der Gemeinde von Cruztón organisiert sich für das Recht auf das ihnen zustehende Land und die Selbstbestimmung als indigene Bevölkerung.

Am 22. Mai 2017, 6 Uhr am Morgen, erhielt der Bauer Rodrigo Guadalupe Huet Gómez, aus der Gemeinde Cruztón, einen Schuss in die Schläfe. Er verbrachte zwei Stunden zusammen mit anderen compañeros auf dem Friedhof verschanzt, zu dem sie gekommen sind, um ihn, der seit fast einem Jahrhundert der geweihte Ort ist, wo sie ihre Toten begraben, zu verteidigen. Seit mehr als einem Jahr versucht eine bewaffnete Gruppe des Nachbarejido Victoria Guadalupe, das sich selbst Nuevo Guadalupe Victoria nennt, sie und die Nachbargemeinde Nueva Libertad, vom Friedhof und den angrenzenden Ländereien, welche einige kleine Anwesen einschließen, zu vertreiben.

Vier Stunden dauerte die Schießerei, mit Waffen von hohem Kaliber strategisch an verschiedenen Punkten positioniert, was zeigt, dass die Angreifergruppe wahrscheinlich eine militärische Ausbildung hat. Es war in einem Moment der sicheren Ruhe, als Rodrigo Guadalupe entschied sich zu erheben, um sich umzuschauen, und so den Schuss erhielt.

Seine compañeros riefen daraufhin eine Ambulanz aus Venustiano Carranza, aber die wurde in Guadalupe Victoria durch eine Gruppe aufgehalten, angeführt durch den Munizipalbeamten Eleuterio Bautista Aguilar, den die Bauern von Cruztón als einen der Anführer der bewaffneten Gruppe identifizieren. So wurde eine weitere Ambulanz angefordert, diesmal aus Teopisca, welche von einem Fahrzeug der Zivilen Sicherheit begleitet wurde. Beide wurden jedoch in 100 Meter Entfernung zu Rodrigo Guadalupe durch eine schwer bewaffnete Gruppe aufgehalten, die sie zwang umzukehren.

So starb Rodrigo Guadalupe, Tsotsil-Aktivist, Anhänger der Sechsten Deklaration aus der Selva Lacandona der EZLN und Mitglied von Semilla Digna und dem Nationalen Indígena Kongress, 7 Uhr morgens.

Seitdem sind die Feindseligkeiten von Seiten der bewaffneten Gruppe angestiegen. Am 16. Juni kamen sie zurück, um den Friedhof und die angrenzenden Ländereien zu besetzen, errichteten fünf Kontrollpunkte, mit fünf oder sechs schwer bewaffneten Personen an jedem. Zur selben Zeit kappten sie die Wasserversorgung der Gemeinde Nueva Libertad und ließen 40 Familien ohne Zugang zu der lebenswichtigen Flüßigkeit. Einen Tag darauf, durchschnitten sie das Starkstromkabel, das Cruztón mit Elektrizität versorgt. Am 18. Juni schüchterten sie Einwohner*innen aus Nueva Libertad ein, welche sich Richtung Cruztón bewegten, mit Luftschüssen. Und zwei Tage darauf blockierten sie den Weg, welcher zur Gemeinde Cruztón führt und ließ sie über 10 Stunden isoliert.

Cruztón: eine Geschichte des Kampfes für das Land

Die Bauern von Cruztón leben seit Generationen auf diesen Ländereien. Vor dem zapatistischen Aufstand 1994, gehörten die Ländereien von Cruztón zur Finca [Grußgrundbesitz] Mispía, die Jahre später in Finca Nazareth umbenannt wurde, Eigentum der Villafuerte, aus Mexiko-Stadt. Diese Finca wurde in vier Teile aufgeteilt – Nazareth, Jerusalén, Cruztón und Guadalupe. Den Bauern von Cruztón übergaben die Villafuertes das Land mit notarieller Urkunde.

Aber 1994 entrissen Bauern aus Guadalupe Victoria, sich als Zapatistas ausgebend, ihnen 395 Hektar ihres Territoriums. Ein Jahr darauf kaufte die Regierung die Ländereien, um sie den Bauern zu übergeben, mit dem Zweck die Besetzung von Land im gesamten Bundesstaat aufzuhalten. Aber aufgrund eines vermeintlichen bürokratischen „Fehlers“, übergab sie die Regierung der Gruppe der Eindringlinge.

1997 versuchten die Bauern von Cruztón ihre Ländereien wiederzuerlangen, aber sie wurden, laut Zeugenaussagen derselben Bauern, heftig unterdrückt durch die Polizei und das Militär, und lösten sich danach auf.

2005 veröffentliche die EZLN die Sechste Erklärung aus der Selva Lacandona und 2006 schloßen sich die Bauern von Cruztón der Anderen Kampagne [Organisierungskampagne alternativ zur Parteienorganisierung] an. Ein Jahr später entschieden sie die Ländereien, die ihnen 1994 entrissen wurden, einschließlich der Quelle als sehr wichtige Lebensgrundlage der Gemeinde, wiederzuerlangen.

Die Wiedererlangung der Ländereien veranlasste eine starke polizeiliche Repression zu drei verschiedenen Momenten im Jahr 2008, mit Verhaftungen, Bedrohungen gegenüber Frauen und Kindern, Haftbefehlen und die Errichtung eines Lagers [Polizei oder Militär] in geringer Distanz zu ihren Ländereien. Aber die Solidarität ließ nicht auf sich warten. Im Juli des Jahres erreichte eine nationale und internationale Beobachtungskarawane Cruztón und verurteilte die Gewalt durch die Regierung.

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass hinter der Repression das Gold steht. 2007 erwarb das kanadische Bergbauunternehmen Radius Gold, durch ihren Stellvertreter Geometales del Norte, mehr als 48.000 Hektar im Landkreis Venustiano Carranza, auf Konzession, um es 50 Jahre lang auszubeuten. Die Konzession deckt sich mit Ländereien von Cruztón und anderen Gemeinden und Ejidos der Region.

Die Belästigung durch die Regierung ging 2009 weiter, mit der Drohung eines militärischen Angriffs und Anschuldigungen wegen Handels mit Waffen, Drogen und Migrant*innen. Aber der nationale und internationale Druck zeigte Wirkung und im Juli 2009 entschied die Regierung zugunsten der Angehörigen von Cruztón durch eine Abfindungsvereinbarung, in welcher die Invasorengruppe auf jeglichen Anspruch auf die Ländereien verzichtete.

Aber die Konflikte hörten nicht auf. 2011 beklagte die Gemeinde Cruztón neue Vertreibungsbedrohungen durch die Organización Campesina Emiliano Zapata – Región Carranza (OCEZ-RC, Bauernorganisation Emiliano Zapata – Region Carranza). Zur selben Zeit, im April des Jahres, erschienen unbekannte Personen, die behaupteten, dass sie die Agrarverwaltung geschickt hat, angeblich weil dort Ländereien verfügbar waren. Und als eine Person namens Guadalupe Cruz, aus Teopisca, erschien, begann sie eine Gruppe zu bilden um Ländereien von Cruztón an Dritte zu „verkaufen“ und schuf Konflikte.

2013 begann der Konflikt um die aktuell umstrittenen Ländereien. Es handelt sich um ein Gebiet zwischen Guadalupe Victoria und Cruztón, wo sich verschiedene kleine Anwesen, der Friedhof und die Quelle, die die Gemeinden der Region mit Wasser versorgt, befinden. In jenem Jahr bracht die Gruppe aus Guadalupe Victoria, die behauptet es handele sich um Ländereien, die zu ihrem Ejido gehören, Fahnen in 12 kleinen Anwesen an, mit der Absicht sich ihrer zu bemächtigen.

Zwei Jahre darauf, am 16. April 2015, fiel besagte Gruppe in drei kleine Anwesen auf diesen Ländereien ein und drei Wochen später schloß sie den Weg von Cruztón nach Venustiano Carranza und hielt mehrere compañeros für zwei Stunden fest und bedrohte sie mit Waffen.

Aber es ist der 1. Februar 2017, als die Invasorengruppe den Zugang zum gemeinschaftlichen Friedhof schließt. Drei Monate später, am 10. Mai dieses Jahres, entschieden die Angehörigen von Cruztón den geweihten Friedhof zurückzuerhalten. Am selben Tag wird Augusto de la Cruz Pérez, aus Cruztón, von der bewaffneten Gruppe entführt, geschlagen und für eine Stunde aufgehängt.

Und nun die Ermordung von Rodrigo Guadalupe Huet Gómez.

Quelle: Radio Zapatista

Im Video wird die Geschichte des Konfliktes erklärt:

Quelle: Radio Zapote

Aktuere und Motive: ein komplexes Panorama

Es ist nicht klar wer die bewaffnete Gruppe von Neuvo Guadalupe Victoria bildet, noch wann sie sich gründete, obwohl es, laut Anklagen der Gemeinde Cruztón, seit März 2003 Drohungen der Einnahme von 12 kleine Anwesen auf den umstrittenen Ländereien gab. Zu jener Zeit, bekannte sich die Gruppe als der OCEZ-RC angehörig, obwohl sich die genannte Organisation nun von ihnen abgrenzt und sogar eine Untersuchung der Geschehnisse des vergangenen 22. Mai fordert. In einem kürzlich veröffentlichten Kommuniqué erkennt die Frente Nacional de Lucha por el Socialismo (FNLS, Nationale Front für den Kampf für den Sozialismus) sie als Mitglieder ihrer Organisation an und beschuldigt keinen Geringeren als die angegriffenen Anhänger*innen der Sexta der Gemeinde Cruztón als Paramilitärs.

Die bewaffnete Gruppe besteht aus 30 Familien und, laut, durch das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba) gewonnen Informationen, erkennt die Ejidalversammlung von Guadalupe Victoria sie nicht an. Es ist zu erwähnen, dass die Waffen der genannten Gruppe von hohem Kaliber und dem ausschließlichen Gebrauch für das Militär sind und, wie oben erwähnt, deutet alles darauf hin, dass sie Kenntnisse militärischer Taktiken haben. Die Mehrheit der von den Anhänger*innen der Sexta von Cruztón als Anführer der bewaffneten Gruppe identifizierten Personen sind dieselben, die schon 2015 als die Anführer des Einfalls in drei kleine Anwesen auf den umstrittenem Territorium identifiziert wurden.

Wie bereits gesagt, ist nicht klar, wer die bewaffnete Gruppe von Nueva Guadalupe Victoria bildet. Aber die Bergbaukonzessionen in der Region, die ökonomischen Interessen, die jene implizieren und die Geschichte der Drohungen, Gewalt und staatlichen Repression heben die abgenutzte Strategie des Staates, um sich der indigenen und bäuerlichen Ländereien zu ermächtigen, hervor: Organisationen und Gemeinden entzweien, um den Widerstand zu destrukturieren und extraktivistischen Projekten den Zugang zu erlauben.

Das Szenarium wird komplizierter durch die Anklage der Organización Nacional del Poder Popular (ONPP, Nationale Organisationen der Volksmacht), dass während einer Tour zu den eingenommenen Grundstücken Marihuanapflanzungen gefunden wurden. Da sich der Friedhof auf dem Gipfel eines Hügels befindet, von wo aus man deutlich die gesamte Umgebung betrachten kann, kann man annehmen, dass eines der Motive für die Aktionen der bewaffneten Gruppe die territoriale Kontrolle ist, und nicht auszuschließen ist, dass es sich um eine Gruppe mit Verbindungen zum Organisierten Verbrechen handelt.

Auf der anderen Seite, ereignen sich die Aggressionen in dem Augenblick, in dem der Nationale Indígena Kongress (CNI) einen Indigenen Regierungsrat bildet und seine Sprecherin, María de Jesús Patricio Martínez, wählt, die sich als unabhängige Kandidatin zu den Präsidentschaftswahlen 2018 präsentieren wird. Und fällt zeitlich zusammen mit einer Serie von Akten von Gewalt, Repression und Belästigung gegen Gemeinden des CNI und, insbesondere, gegen Gemeinden, welche Semilla Digna bilden, von denen Cruztón Teil ist. Wie bekannt ist, ist einer der Gründe den Indigenen Regierungsrat zu gründen die Zerstörung und Gewalt, welche die indigene Bevölkerung des Landes erleidet durch extraktivistische Industrien in Komplizenschaft mit dem Organisierten Verbrechen und dem Staat.

Quelle: Radio Zapatista

Im Video erklärt ein compa aus Cruztón die Interessen (Ressourcen) und Hintergründe des Landkonfliktes in der Region:


Quelle: Regeneración Radio

Am 9. Juli 2017, wurde eine Karawane der Sexta in Solidarität mit Cruztón durchgeführt um sich mit den angegriffenen compañer@s und vor allem mit der Familie von Roberto Guadalupe zu solidarisieren, und um diese Eskalation der Gewalt sichtbar zu machen.

In einer kurzen Videodoku kommen die von den Aggressionen betroffenen Gemeindemitglieder aus Cruztón und Nueva Libertad selbst zu Wort.

Quelle: Radio Zapote

Weitere Infos zur Karawane:

Bericht der Solikarawane nach Cruztón

Gemeinsame Erklärung (span.) der teilnehmenden Organisationen, Kollektive und Einzelpersonen:

Worte von Semilla Digna (span.):

Dankesworte der Gemeinde Cruztón (span.):

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