Sexta Bachajón

San Sebastián Bachajón – Chronik eines Widerstandes

Am 11. Januar 2015 griff die Polizei eine Blockade der Anhänger*innen der Sexta in San Sebastián Bachajón/ Agua Azul, Chiapas an. Bei dem Angriff mit Gummigeschossen und scharfer Munition wurden zwei junge Männer verletzt.

Quelle: Promedios de Comunicación Comunitaria

Hintergründe San Sebastián Bachajón

San Sebastián Bachajón ist eines der größten Ejidos (kollektiv bearbeitetes Land) in Chiapas, mit rd 70.000 ha, hoher Biodiversität und Naturschönheiten wie den Wasserfällen von Agua Azul, weshalb es auch von hohem Interesse für Politik und internationale Unternehmen, v.a. für den Tourismus, ist.

Um eine Entscheidung über das Ejido zu treffen, muss eine Versammlung aller Ejidatari@s [Eigentümer*innen/Nutzungsberechtigte der kollektiven Ländereien] durchgeführt werden. Seit 2006 ist die Tzeltalgemeinde von San Sebastián Bachajón gespalten, zwischen offiziellen Ejidoautoritäten, die politischen Parteien nahe stehen, und Ejidatari@s, die zu Anhänger*innen der Sexta wurden, der politischen Initiative einer außerparlamentarischen Organisierung und Vernetzung von Unten, die die Zapatistische Armee der nationalen Befreiung (EZLN) 2005 ins Leben gerufen hat.

Die Aktivist*innen fordern, als Ejidoeinwohner*innen und im Rahmen ihrer indigenen Selbstbestimmung, ihr Mitspracherecht im Bezug auf die Umsetzung von Entwicklungs- und Infrastrukturmaßnahmen innerhalb ihrer Gemeinden, gemäß ILO-Konvention 169, sowie eine Beteiligung an den Einnahmen durch den Tourismus. Sie lehnen die einseitige touristische Nutzung des Gemeindelandes (Ejido) und die damit verbundenen touristischen Zukunftspläne der Regierung ab.

Während der Auseinandersetzungen in der Region kam es zu starken Spaltungen innerhalb der Bevölkerung sowie gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den oppositionellen Aktivist*innen auf der einen und Projektbefürworter*innen und Polizei/staatlichen Behörden auf der anderen Seite. Die Regierungsbehörden reagierten mehrfach mit massiver Repression. Im Jahr 2009 wurden mehrere Aktivist*innen monatelang willkürlich eingesperrt

Im Jahr 2011 wurde der Teil des Gebietes, das zu Bachajón gehört, sich aber am Zugang zu den Wasserfällen befindet, welche selbst zum Landkreis Tumbalá gehören, vom offiziellen Ejidokommissar an die Verwaltung der nationalen Kommission für Naturschutzgebiete abgetreten, was schließlich zum organisierten Widerstand der Ejidatari@s von Bachajón führte, deren Nutzungsrechte somit übergangen wurden. Im Februar desselben Jahres wurden 117 Angehörige der Sexta von Bachajón festgenommen, zwei von ihnen befinden sich immer noch als politische Gefangene in Haft.

Ermordung von Juan Vázquez Guzmán

Juan Vázquez Guzmán, Aktivist aus San Sebastián Bachajón, wurde in der Nacht des 24. April 2013 vor seinem Haus durch sechs Schüsse getötet. Die Täter*innen wurden nicht identifiziert und der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.
Juan war seit 2007 im Landkreis Chilón für die Verteidigung des Bodens (Ländereien) in seiner Gemeinde Bachajón gegen staatliche Enteignung aktiv eingetreten und engagierte sich in der mexikoweiten zivilgesellschaftlichen La Sexta (Sechste Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald).

juan-1Selbst Kleinbauer, setzte er sich für die Rechte der indigenen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in seiner Region ein, die v.a. durch staatlich forcierte Tourismusprojekte, im Gebiet der Wasserfälle Agua Azul, in ihrer Existenzgrundlage bedroht sind.
Als Sprecher und Delegierter der Aktivist*innen von Bachajón sprach sich Juan offen, laut und international wahrnehmbar gegen die Ausbeutung der Natur und die Vertreibung der Bewohner*innen dieser Region durch geplante, staatliche Tourismusprojekte aus. Er setzte sich für politische Gefangene ein und klagte die politische Justiz in Mexiko unüberhörbar an. Für diesen unerschrockenen Kampf, für die kollektiv genutzten Ländereien und Rechte der indigenen Bevölkerung, wurde er umgebracht.

Ermordung von Juan Carlos Gómez Silvano

Am Morgen des 21. März 2014 wurde der Aktivist Juan Carlos Gómez Silvano in einem Hinterhalt mit mehr als 20 Schüssen im Ejido San Sebastián Bachajón hingerichtet. Im Moment seiner Ermordung, war Juan Carlos 22 Jahre alt, hatte das Amt des Regionalkoordinators der Sexta von Bachajón inne und war Vater eines sechs Monate alten Babys.
juan-carlosDer Tzeltal-Indigene unterstützte seit Jahren den Kampf seiner Gemeinde San Sebastián Bachajón gegen infrastrukturelle Großprojekte, die in der Region von Regierung und Wirtschaft vorangetrieben werden, wie der Bau einer Autobahn zwischen den touristischen Hochburgen San Cristóbal de las Casas und Palenque, für die eine Enteignung der Ländereien von dutzenden Gemeinden durchgesetzt werden müsste, sowie das Tourismusprojekt Agua Azul.
Ricardo Lagunes, Anwalt der Anhänger*innen der Sexta aus Bachajón, schilderte  gegenüber nd (Tageszeitung, Neues Deutschland) den klaren Konflikt zwischen dem Aktivismus von Gómez Silvano und den Regierungsinteressen: „Erst vor zwei Monaten wurde Juan Carlos von seiner Organisation zum regionalen Koordinator ernannt, als Anerkennung für sein Engagement bei der Verteidigung des Territoriums von Bachajón. Er lebte in dem Dorf Virgen de Dolores, das 2010 im Rahmen einer Landbesetzung gegründet worden war. Die Menschen fingen an, das Land zu bearbeiten. Es wurde dadurch immer fruchtbarer und erlaubt ihnen nun, sich selbst zu versorgen und Überschüsse zu verkaufen. Daher sind sie nicht gezwungen, die Hilfsprogramme der Regierung anzunehmen. Die Compañeros sehen die brutale Ermordung von Juan Carlos als eine Aggression gegen ihre Organisation mit dem Ziel, ihre Bewegung zu zerschlagen.“

Neue Aggressionen und verstärkte Repression im Jahr 2015

Am 21. Dezember 2014 besetzten rund 400 Bewohner*innen und Anhänger*innen der Sexta von Bachajón, das zuvor, in 2011, enteignete kommunale Land an der Zufahrt zu den Wasserfällen. Darauf hin kam es zu Drohungen und Aggressionen von Seiten der staatlichen Sicherheitskräfte und der Räumung des besetzten Landes durch 900 Polizeikräfte am 9. Januar 2015.
In dessen Folge wurden acht Personen, die aufgrund der Zwangsräumung in mehrere Kilometer Entfernung flüchten mussten, mehrere Stunden vermisst. Drei von ihnen wurden sogar entführt, konnten aber schließlich entkommen.

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Am 11. Januar 2015 versuchten die Anhänger*innen der Sexta von Bachajón erneut ihre Ländereien wiederzuerlangen. Als Antwort errichtete die Polizei Barrikaden, mit Bäumen und Fahrzeugen, rund um die Kreuzung zu den Wasserfällen und setzte Schusswaffen (Gummi und scharfe Munition) ein, wobei es mehrere Verletzte auf Seiten der organisierten Bewohner*innen des Ejidos gab. Den Anhänger*innen der Sexta und unabhängige (nicht-parteiangehörige) Ejidobewohner*innen gelang es schließlich die Polizei zurückzudrängen und errichteten eine unbefristete Blockade auf der Straße zwischen San Cristóbal de Las Casas – Palenque, auf Höhe der Kreuzung zu den Wasserfällen von Agua Azul.
Am darauffolgenden Tag wurde beobachtet, wie ein Polizeihubschrauber eine naheliegende Gemeinde überflog und Fotos der Häuser, von Koordinatoren des Widerstandes, machte. Auch gab es Gerüchte von Bewegungen paramilitärischer Gruppen aus naheliegenden Gemeinden in Richtung  Zufahrt der Wasserfälle, also der Blockade bzw. Stationierungsstelle der öffentlichen Sicherheitskräfte. In den folgenden Tagen wurden die Hubschrauberflüge über die Gemeinden fortgesetzt.

Am 21. März 2015 meldeten die Ejidatari@s von San Sebastián Bachajón in einem Kommuniqué die Inbrandsetzung ihres regionalen Sitzes San Sebastián durch 600 uniformierte staatliche Sicherheitskräfte unter Teilnahme des offiziellen Ejidokommissars und dessen Sicherheitsberater, beides Angehörige der PRI.
Die Ejidatari@s, Anhänger*innen der Sexta, erklärten: „Nach der gewaltsamen Vertreibung vom 9. Januar 2015 errichteten wir den Regionalsitz San Sebastián um damit fortfahren zu können die Ländereien zu schützen und den Rückzug der schlechten Regierung zu fordern, wo wir weitermachen weil wir von diesen Ländereien stammen und wir werden nicht erlauben, dass die schlechte Regierung kommt um dem Volk zu befehlen.“
Es wird auch darüber berichtet, dass die Gruppe des offiziellen Ejidokommissars Straßenblockaden an der Kreuzung zu den Wasserfällen von Agua Azul durchführt, um die organisierten Ejidatari@s von Bachajón als Schuldige darzustellen, und Bäume fällen um ein Delikt zu kreieren und die autonomen Autoritäten von Bachajón dafür verantwortlich zu machen.
Die Anhänger*innen der Sexta von San Sebastián Bachajón fordern den Rückzug der öffentlichen Sicherheitskräfte und der Nationalen Kommission zum Schutz von Naturgebieten von ihren Ländereien sowie die Freilassung ihrer politischen Gefangenen Juan Antonio Gómez Silvano, Mario Aguilar Silvano, Roberto Gómez Hernández und weiterer politischer Gefangener (Santiago Moreno Pérez, Emilio Jiménez Gómez und Esteban Gómez Jiménez).

Während des Vorfalls am 21. März wurden auch zwei Angehörige freier Medienkollektive, die vor Ort waren um den Angriff auf den Regionalsitz zu dokumentieren, von den Gruppen des offiziellen Ejidokommissars angegriffen – umzingelt, festgehalten, geschlagen, mit Macheten bedroht und beraubt (Handy, Kamera, Stativ).